BeReal – Zeit, authentisch zu sein!

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„Real“ ist normalerweise kein Wort, das man mit Social Media in Verbindung bringen würde. Doch eine neue Plattform mit dem Namen „BeReal“ verspricht ungestellte Realität und Authentizität. Likes, Follower, Werbung – Fehlanzeige. Mit Schnappschüssen sagt sie gestellten Hochglanzbildern den Kampf an. Ist die App das Mittel gegen die toxische Scheinwelt der Sozialen Medien, auf das wir so lange gewartet haben?

Nicht noch eine Social-Media-App. Wer TikTok bisher keine Chance gegeben hat, wird auch bei BeReal zunächst ins Zögern kommen. Dabei bringt die App einen neuen Ansatz mit, der sich fundamental von jenen der gängigen Social-Media-Plattformen unterscheidet – sie bewirbt sich sogar selbst mit dem Slogan „Kein weiteres Social Media.“

So funktioniert BeReal

In den Apple-Stores vieler Länder, darunter auch Deutschland und Schweiz, befindet sich BeReal aktuell an der Download-Spitze. Was macht die neue Social-Media-App so beliebt?

Ganz einfach: BeReal bricht mit Perfektionismus-Besessenheit, wie sie auf Instagram, Tiktok und Co. zu finden ist, und schreibt die Regeln für authentische Inhalte neu. Nutzer:innen können pro Tag nur einen einzelnen Post veröffentlichen, und zwar innerhalb eines Zeitfensters von zwei Minuten. Da bleibt nicht viel Zeit, um sich für das perfekte Selfie zu schminken oder anderweitig vorzubereiten.

Zu einem beliebigen Zeitpunkt am Tag erhalten alle BeReal-Nutzer:innen eine Benachrichtigung mit dem Titel „Time to BeReal“ – Zeit, authentisch zu sein. Ab jetzt läuft die Uhr. Gepostet werden kann nicht einfach irgendwas, sondern nur ein schneller Schnappschuss, der gleichzeitig mit der Front- und Rückkamera aufgenommen wird. Ziel ist es, befreundeten Personen in Echtzeit zu zeigen, was man gerade so macht – authentisch, ungestellt und aus dem Moment heraus.

In der App nur passiv zu scrollen, ist nicht möglich. Die Beiträge von Freund:innen sind erst sichtbar, wenn man selbst einen Schnappschuss veröffentlicht hat. Außerdem können die anderen genau sehen, wie viele Anläufe innerhalb der zwei Minuten für das „reale“ Foto benötigt wurden.

Falls man es einmal nicht schaffen sollte, innerhalb des Zeitfensters zu posten, gibt es die Möglichkeit, ein „Late“ zu veröffentlichen. Der tägliche Post kann also auch im Nachhinein aufgenommen werden. Er wird dann jedoch mit der Bemerkung versehen, dass er „zu spät“ aufgenommen wurde und somit nicht authentisch ist. Die Person könnte Zeit gehabt haben, sich herzurichten, ihre Wohnung aufzuräumen oder schnell den Ort zu wechseln.

Beschrieben als “eine neue und einzigartige Möglichkeit, herauszufinden, wer deine Freunde in ihrem täglichen Leben wirklich sind”, verzichtet die App auf jegliche Social-Media-Tricks wie Filter, Sticker oder Gesichtsretusche. Die Nutzer:innen sollen der Welt zeigen, wer sie wirklich sind – natürlich nur, wenn sie sich entscheiden, zu posten.

Reaktionen auf BeReal

Für viele Nutzer:innen von BeReal kann es eine Erleichterung sein zu sehen, wie viele ihrer Freund:innen auch nur vor dem Laptop sitzen und lernen oder arbeiten. Wie viele eben nicht jeden Tag zehn Freunde treffen oder auf zig Partys gehen. Während anderswo vor allem Höhepunkte geteilt und der Alltag herausgeschnitten wird, möchte BeReal den ungestellten Moment zeigen.

Die App kann durchaus dazu beitragen, das Leben der anderen weniger zu glorifizieren und einen Einblick in ihren Alltag zu bekommen – der sich bei genauem Hinsehen oft gar nicht so sehr von der eigenen Routine unterscheidet.

Das mag logisch und offensichtlich scheinen, aber wie Studien zeigen, verlieren sich Social Media Nutzer:innen leicht in den Trugbildern der Sozialen Medien, die schillernde und beneidenswerte Leben zeigen. Dabei sind diese Leben wahrscheinlich ebenso banal, wie uns das eigene manchmal vorkommt. Der einzige Unterschied liegt in der Fähigkeit, Bilder in den richtigen Momenten aufzunehmen und so bearbeiten zu können, dass sie beeindrucken.

Woher kommt der Hype?

BeReal kommt genau zur richtigen Zeit. Instagram, der eigentliche Bilder-Gigant unter den Sozialen Netzwerken, eifert schon seit einiger Zeit der Kurzvideo-Plattform TikTok nach und gerät so immer mehr in die Kritik. Viele Nutzer:innen verlangen nach einer Rückkehr zur reinen Foto-App. Es wurde sogar eine Petition mit dem Namen „Make Instagram Instagram again“ gestartet. Das Unternehmen gab dem Druck schließlich nach und nahm Abstand von videozentrierten Feeds.

Zudem gibt es nirgendwo mehr Schein als Sein als auf Instagram. Hier finden sich weit mehr aufgehübschte, retuschierte und sogar KI-manipulierte Fotos als auf allen anderen gängigen Social-Media-Plattformen. Viele Nutzer:innen bemerken negative psychische Effekte, wenn sie zu lange in der App verweilen.

Im Vergleich mit all den Fotos von exotischen Fernreisen, umwerfenden Looks und perfekten Freundschaften schneidet das eigene Leben häufig weniger gut ab. Dabei ist es leicht zu vergessen, dass Instagram hierfür kein Maßstab sein kann. BeReal unterscheidet sich allerdings zu sehr von Instagram, um ernsthaft eine Konkurrenz darzustellen.

Und dann ist da noch TikTok. Bunt, laut und voller lustiger, unterhaltsamer, wissenswerter, aber auch potenziell gefährlicher Inhalte – in denen man sich stundenlang verlieren kann. BeReal ist da anders. Das schlichte, schwarze Design bietet Platz für die Posts von Freund:innen, die eigene Post-Timeline und gegebenenfalls die Schnappschüsse anderer Nutzer:innen auf der ganzen Welt. Wobei hier langes Scrollen schnell langweilig wird, weil man oft nicht mehr zu sehen bekommt als fremde Wohnzimmer, Arbeitsplätze, Bushaltestellen – das reale Leben eben.

BeReal – gar nicht so real?

Kritische Stimmen bemängeln, dass die App den Nutzer:innen durch die Möglichkeit des „Late“-Posts ein Schlupfloch bietet. Bildbearbeitungen sind hier zwar immer noch nicht möglich, aber man hat genug Zeit, den langweiligen Arbeitstag verstreichen zu lassen und erst abends beim Feiern mit Freund:innen einen Schnappschuss hochzuladen – perfekt herausgeputzt und in bester Gesellschaft. Das widerspricht jedoch dem eigentlichen Zweck der Plattform. Es liegt also an den Nutzer:innen, die Spielregeln von BeReal zu befolgen.

Hinzu kommen gelegentliche technische Probleme, was auch nicht verwunderlich ist, da sämtliche Nutzer:innen aus einem Land oder einer Zeitzone gleichzeitig online sind, wenn es wieder heißt: „Time to BeReal.“ Der Druck, innerhalb von zwei Minuten zu posten, kann außerdem zu Stress führen. Zudem haben deutsche Datenschützer:innen bereits Bedenken geäußert.

Fazit: Rückkehr zur ursprünglichen Idee von Social Media

Das minimalistische Design und die limitierten Funktionen der App lassen BeReal schnell langweilig wirken – und das ist sie vielleicht auch. Aber vielleicht braucht es genau diese Banalität, um auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren und der Instagram-Scheinwelt nicht mehr so viel Glauben zu schenken.

BeReal ist eine Rückkehr zum Minimalismus, wie er zu jener Zeit existierte, als Posts nur dazu da waren, unseren Familien und Freund:innen Einblicke in unser Leben zu geben. Die App zielt darauf ab, alle Faktoren zu eliminieren, die an Social Media als störend empfunden werden. Ohne die Existenz von Likes, Followern oder störender Werbung können wir die App nur dafür nutzen, wozu sie da ist – dem authentischen Austausch mit Menschen, die uns nahestehen.

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