Interview mit NewsGuard: „Werbung in glaubwürdigen Nachrichtenquellen zahlt sich aus.“

9 Minuten Lesedauer

Vertrauen ist das Kernelement erfolgreicher Kommunikation. Dies gilt für jeglichen Kontext: Im politischen oder sozialen Diskurs, in der Wissenschaft und der Bildung, in der Wirtschaft, in der Unternehmenskommunikation oder in der Kunst. Misinformation hingegen untergräbt genau diese Grundlage von Kommunikation und erzeugt ein Phänomen mit dem Namen „Zero Trust Societies“, wo wir Inhalten aus digitalen (Medien-)Quellen einfach keinen Glauben mehr schenken.

Um diesem wachsendem Problem Lösungen entgegenzusetzen, ist pressrelations im Mai 2020 mit dem Vertrauenstool NewsGuard eine spannende Partnerschaft eingegangen. Das Ziel ist es, Kommunikationsexperten mit belastbaren Daten zur Vertrauenswürdigkeit einzelner Nachrichtenquellen zu versorgen. Diese Daten verbessern nicht nur das Management von Kommunikationsrisiken, sondern helfen auch dabei das Branding und andere Kommunikationsaktivitäten zu optimieren. Alles gute Gründe uns mit Anna-Sophie Harling zu unterhalten, denn sie ist Geschäftsführerin und Europa-Chefin von NewsGuard. Wir haben mit Anna-Sophie über die Zukunft der Desinformation sowie das von Misinformation ausgehende Risiko für Marken gesprochen. Zudem erläutert Anna-Sophie in unserem Gespräch, wie Kommunikationsexperten von den NewsGuard-Daten in der täglichen Arbeit profitieren.

Wärst du so freundlich, dich vorzustellen?

Mein Name ist Anna-Sophie Harling, und ich bin Geschäftsführerin und Head of Europe bei NewsGuard.

Was macht NewsGuard?

NewsGuard wurde 2018 von einem Team aus Journalisten gegründet, um das wachsende Problem von Falschinformationen im Netz zu bekämpfen und das Vertrauen in Medien wiederherzustellen. Unsere erfahrenen Journalisten haben bisher über 6.500 News- und Informationswebseiten überprüft und bewertet, um Aufschluss darüber zu geben, welche Nachrichtenquellen vertrauenswürdig sind und welche nicht.

Unsere Rating-Dienstleistung, die für User entweder über Unternehmen, die NewsGuard lizenzieren, oder als Browsererweiterung erreichbar ist, ermöglicht den Zugang zu diesen Verlässlichkeitsbewertungen innerhalb von Google-Suchergebnissen und Social Media-Feeds. Auf diese Weise schützen wir Menschen vor Falschinformationen und gleichzeitig stellen wir weitere Informationen zu Nachrichtenquellen bereit.

Natürlich gibt es viele Unternehmen, die sich online mit der Bekämpfung von Falschinformationen und anderen Bedrohungen auseinandersetzen. NewsGuard ist allerdings die einzige Organisation, die vollständig auf Basis menschlicher Kompetenzen agiert und Daten über die Glaubwürdigkeit von Nachrichtenquellen nur mit Hilfe von Journalisten recherchiert – und nicht automatisiert über Algorithmen.

Warum sollten Kommunikationsexperten NewsGuard in ihre Arbeit integrieren?

NewsGuard liefert überzeugende Mehrwerte gerade für Agenturen, die ihre Kunden bezüglich Reputationsrisiken beraten sowie für alle Kommunikatoren, die mehr Kontext zur Qualität der jeweiligen Medienberichterstattung liefern möchten. Indem Kommunikationsexperten auf als „rot“ bewertete Seiten aufmerksam gemacht werden, die generell unzuverlässige Informationen publizieren, können Agenturen potenzielle Risiken in Bezug auf ungenaue Berichterstattung schneller identifizieren und Fehler zeiteffizienter beheben.

Experten, die sich auf programmatische Werbung spezialisieren, können von unserem RANS (Responsible Advertising on News Segments) profitieren. Dabei handelt es sich um Listen, die Werbetreibenden dabei helfen, Werbeausgaben nicht bei Anbietern von Falschinformationen zu platzieren, sondern diese hin zu Quellen für Qualitätsjournalismus umzuleiten.

Wir haben diese Segmente getestet, indem wir mit einem der wichtigsten Werbekunden von IPG eine Pilotkampagne durchgeführt haben. Die Ergebnisse waren wirklich sehr beeindruckend, denn der CPM des Kunden fiel um 9% und der CTR stieg um 143% – und das, weil vermehrt auf vertrauenswürdigeren Nachrichtenquellen geworben wurde. In anderen Worten: In glaubwürdigen Quellen zu werben ist für Marken nicht nur eine verantwortungsvolle Möglichkeit, den Journalismus und die Demokratie zu stärken – unter dem Strich zahlt es sich auch wirtschaftlich aus. Die komplette Fallstudie können Sie übrigens hier nachlesen.

In welchen Fällen kann Desinformation Unternehmen Schaden zufügen?

Desinformationen können Unternehmen auf direkte und indirekte Weise schaden. Ein direkter Schaden entsteht, wenn die sich verbreitende Falschinformation negative oder irreführende Informationen über die Produkte oder Dienstleistungen des Unternehmens beinhaltet. Ein indirekter Schaden entsteht, wenn das Unternehmen online mit Quellen von Desinformationen in Verbindung gebracht wird, beispielsweise indem man auf Fake News-Webseiten wirbt.

Firmen sollten genauestens evaluieren, wo sie Werbeanfragen stellen und gleichermaßen sicherstellen, dass Taktiken wie Keyword Blocking nicht dazu führen, dass Anzeigenplätze auf Webseiten, die Qualitätsjournalismus publizieren, automatisch blockiert werden.

Die Nutzung einer Lösung wie NewsGuard hilft Unternehmen bei der Optimierung ihrer Werbeausgaben, unterstützt gleichzeitig Qualitätsjournalismus und orientiert sich an den weitreichendsten, von Menschen recherchierten Standards zum Schutz von Marken vor Desinformationen – andere Anbieter können das nicht leisten.

Ist Desinformationen eine Bedrohung für Marken und Kommunikation?

Wenn Marken mit Desinformationen assoziiert werden, ist das definitiv eine Bedrohung für den kommunikativen Erfolg. Eine Kampagne kann noch so effektiv oder überzeugend sein; sobald die Anzeige einer Marke auf einer extremistischen Website auftaucht, die Fake News und irreführende Narrative verbreitet, kann dies aus Sicht der Markensicherheit sehr schädlich sein und die sorgfältige Arbeit von Kommunikationsagenturen zunichtemachen. Diese sollten Markensicherheit als weitreichendes Thema begreifen, das alle Berührungspunkte mit Verbrauchern umfasst, einschließlich der Werbung auf Falschinformationsseiten, die der Reputation direkt schaden.

Wie funktioniert das NewsGuard-Bewertungssystem?

NewsGuard überprüft und bewertet Nachrichten- und Informationswebseiten manuell und aktualisiert die Bewertungen quartalsmäßig – und wenn wichtige Ereignisse wie ein Führungswechsel geschehen oder eine bedeutungsvolle Berichterstattung veröffentlicht wird. Wir bewerten keine individuellen Artikel oder Journalisten, sondern die eigentliche Nachrichtenquelle. So können wir effektiv skalieren, denn eine einzige Bewertung gilt als Richtlinie für den gesamten auf einer Website veröffentlichten Content – das macht natürlich Sinn, da jede Nachrichten- und andere Medienquellen typischerweise dieselben redaktionellen Richtlinien auf ihren gesamten Content hin anwenden.

NewsGuard operiert auf der Grundlage von neun Kriterien, die wiederum auf Transparenz und Glaubwürdigkeit basieren:

  • Keine wiederholte Veröffentlichung falscher Inhalte: Die Website produziert kaum Artikel, die – weder von NewsGuard-Journalisten noch anderswo – als eindeutig und signifikant falsch befunden wurden, und nicht schnell und sichtbar korrigiert wurden. (22 Punkte. Ein Label mit einer Punktzahl von weniger als 60 erhält eine rote Bewertung.)
  • Verantwortungsvolles Sammeln und Präsentieren von Informationen: Anbieter von Content sind allgemein fair und genau in ihrer Berichterstattung und Informationspräsentation. Sie verweisen auf mehrere Quellen, vorzugsweise auf jene, die direkte Informationen aus erster Hand zu einem Thema oder Ereignis präsentieren, oder sich auf glaubwürdige Nachrichtenquellen aus zweiter Hand beziehen. Die Anbieter stellen Informationen nicht in grober Weise verzerrt oder falsch dar, um eine Argumentation oder einen Bericht über ein Thema vorzubringen. (18 Punkte)
  • Regelmäßige Korrektur oder Klarstellung von Fehlern: Die Website macht deutlich, wie ein Fehler oder eine Beschwerde gemeldet werden kann, verfügt über wirksame Praktiken zur Veröffentlichung von Klarstellungen und Korrekturen und vermerkt jene auf transparente Weise. (12,5 Punkte)
  • Verantwortungsvoller Umgang mit dem Unterschied zwischen Nachrichten und Meinungen: Anbieter von Content unterscheiden in der Berichterstattung deutlich erkennbar zwischen Nachrichten und Meinungen. Und wenn sie Nachrichten veröffentlichen, werden keine spezifischen Meinungsrichtungen durch eine absichtliche Auswahl von Fakten favorisiert. Anbieter, die einen bestimmten Standpunkt vertreten, legen diesen Standpunkt offen. (12,5 Punkte)
  • Keine Verwendung irreführender Überschriften: Die Website veröffentlicht keine Überschriften, die Falschinformationen beinhalten, sensationalisiert nicht und nutzt keine Techniken im Rahmen der Content-Produktion, die dem tatsächlichen Inhalt einer Story nicht entsprechen. (10 Punkte)
  • Offenlegung der Eigentümerstruktur und der Finanzierung: Die Website legt ihren Eigentümer und/oder ihre Finanzierung offen und kommuniziert die ideologischen oder politischen Positionen der Personen mit erheblichem finanziellem Interesse an der Website in einer benutzerfreundlichen Art und Weise. (7,5 Punkte)
  • Klare Kennzeichnung von Werbung: Die Website macht deutlich, welche Inhalte gesponsert sind und welche nicht. (7,5 Punkte)
  • Kommuniziert wer Entscheidungen treffen kann einschließlich möglicher Interessenskonflikte: Informationen über die für die Inhalte Verantwortlichen werden auf der Website zugänglich gemacht. (5 Punkte)
  • Darstellung der Namen und der Kontaktdaten oder der biografischen Informationen der Autoren: Auf der Website werden Informationen zu denjenigen bereitgestellt, die die Inhalte erstellen. (5 Punkte)

Mehr zu unserem Bewertungsprozess und den Kriterien finden Sie auf der Website von NewsGuard.

NewsGuard ist übrigens in Bezug auf diesen Bewertungsprozess sehr transparent: Alle „Nährwertlabels“, die wir für Webseiten schreiben, enthalten einen detaillierten Bericht über die Gründe für unsere Bewertung und für die Scores jedes einzelnen Kriteriums. Dies schließt auch Nachweise von der Website mit ein sowie die Ergebnisse unserer Kommentaranfragen an den jeweiligen Anbieter. Darüber veröffentlichen wir die Namen und Kontaktdaten der drei bis fünf Journalisten und Redakteure, die an einem bestimmten Label gearbeitet haben, damit die Nutzer oder Website-Betreiber wissen, an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können. Wenn in unserer Berichterstattung Fehler auftreten, veröffentlichen wir die Korrekturen auf unseren eigenen Nährwertlabels.

NewsGuard ist komplett unparteiisch und wird von linken wie rechten Medien weitgehend gleichermaßen kritisiert. Unsere Journalisten sind verpflichtet, eine interne Organisationsrichtlinie in Bezug auf Ethik und Interessenkonflikte zu unterzeichnen. Und wir unterstützen keine bestimmten politischen Richtungen oder sind irgendwie anders voreingenommen in unserer Arbeit. Lesen Sie hier mehr darüber, warum Sie uns vertrauen sollten. 

NewsGuard's Rating Process

Wie gut ist Ihre Medienabdeckung in Europa, Amerika und Asien?

Aktuell sind wir in fünf Märkten aktiv: in den USA, Großbritannien, Italien, Deutschland und Frankreich. In diesen Märkten haben wir all die Nachrichten- und Informationsseiten bewertet, die insgesamt 95% der Online-Interaktionen mit Nachrichten ausmachen. Demnächst expandieren wir nach Australien und Kanada, planen gleichzeitig aber auch für weitere Regionen.

Was sind die Vorteile bei der Arbeit mit Daten von NewsGuard?

Die Daten sowie die Forschung von NewsGuard findet sehr vielseitige Anwendungen: In der Zusammenarbeit mit Forschern, Schulen, Bibliotheken, gemeinnützigen Organisationen, Denkfabriken, Gesundheitsunternehmen, Regierungsorganisationen, Nachrichtenaggregatoren, Technologieplattformen, Marken- und Safety Moderation-Teams und vieles mehr.

GIPHY verwendet beispielsweise NewsGuard-Daten, um besser mit Falschinformationen auf der Plattform umgehen zu können. Wir führen zudem eine globale Partnerschaft mit Microsoft, bei der unser Browser Extension-Tool für Benutzer des Edge-Browsers kostenlos ist. Zudem arbeiten wir mit der Weltgesundheitsorganisation zusammen, der wir unsere „Misinformation Fingerprints“-Daten zur Verfügung stellen, eine maschinell lesbare Datenbank mit im Internet kursierenden, inhaltlich falschen Behauptungen.

pressrelations ist ein stolzer Partner von NewsGuard – Warum denken Sie, dass diese Partnerschaft für Kommunikationsexperten von hohem Wert ist?

Kommunikationspartner sind entscheidend für den Erfolg von Unternehmen, da sie die Reputation schützen und Strategien im Markt kommunizieren. Die Daten von NewsGuard unterstützen diese Aktivitäten, indem sie einen von Menschen betriebenen Schutzwall gegen das nuancenreiche Risiko von Falschinformationen bieten und so Kommunikationsteams bei ihrer Arbeit, den Kunden einen Mehrwert zu bieten, unterstützen.

Aus NewsGuard-Perspektive: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der US-Wahl 2020, Trump und Brexit?

Wir haben viel aus der Arbeit in einer sich schnell verändernden Nachrichtenlandschaft gelernt und das wurde durch die großen globalen Ereignisse der letzten zwei Jahre noch weiter verstärkt. In manchen Fällen haben wir auch die Rolle der Medien selbst bei der Berichterstattung dieser Ereignisse hinterfragt. Die leichte Teilbarkeit auf sozialen Medien ist ein wichtiger Faktor für die Viralität von Falschinformationen und die zunehmende Polarisierung spezifischer Nachrichtenquellen über das gesamte politische Spektrum hinweg, kann mit schädlichen Konsequenzen für die Demokratie einhergehen. Allein die Menge der Falschinformationen im Gesundheitsbereich und der dadurch entstandene, weitreichende Schaden, zeigt, dass wir auch weiterhin daran arbeiten müssen, Fake News zu bekämpfen und das Vertrauen in die Medien wiederherzustellen.

Einmal fünf Jahre in die Zukunft gedacht: Wird es dann Desinformation immer noch geben?

Da sich die Art und Weise, wie Nachrichten konsumiert werden, weiterentwickelt, Plattformen in der Gunst stehen und fallen und neue kontroverse Themen auftauchen werden, wird es Desinformation leider immer auf die eine oder andere Weise geben. Die Herausforderungen werden darin bestehen, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten, eine weitreichende Rechenschaftspflicht und Verantwortung durch Gesetzgebung und Regulierung zu schaffen und Technologieplattformen dafür verantwortlich machen, Nutzern genau die Werkzeuge an die Hand zu geben, die diese für ein sichereres Online-Erlebnis benötigen.

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pressrelations dankt Anna-Sophie von ganzem Herzen für dieses interessante, zum Nachdenken anregende Interview!

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Anna Sophie Harling

Anna-Sophie Harling ist Managing Director, Europe und Executive Vice President, Partnerships bei NewsGuard, mit Sitz in London und New York. Im Jahr 2020 wurde sie zum Mitglied des beratenden Content Board der britischen Kommunikationsregulierungsbehörde Ofcom gewählt. Bevor sie zu NewsGuard kam, arbeitete Harling bei einem Technologieunternehmen in London und bei einer internationalen Anwaltskanzlei in Köln. Zuvor war sie bei zwei deutschen Zeitungen, Der Tagesspiegel und der Märkischen Allgemeinen, tätig. Harling hat an der Yale University studiert, wo sie ein Yale Journalism Scholar war.

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